Ich fühle mich missverstanden.

Ich bin 18 Monate und 22 Tage alt.


Das passiert mir in letzter Zeit dauernd. Es kommt sogar mehrmals am Tag vor, dass ich etwas sage und dann – dann schaut mich Mama an. Sehr konzentriert schaut sie mich an. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtet sie mich. Und ich schaue Mama an. Die sagt dann etwas, das völlig aus dem Kontext gerissen scheint, passt rein gar nicht zu dem Thema, das ich soeben angeschnitten hatte. Also schaue ich sie weiter an. Mit zweifelndem Blick schaue ich – kann einen die eigene Mutter nicht verstehen können? Sie wiederum schaut mich fragend an und startet eventuell noch einen Versuch, zu wiederholen, was ich eben sagte. Aber nope – ich bleibe oft missverstanden.

Manchmal meint sie, ich solle doch wiederholen, was ich soeben gesagt habe, denn sie hätte mich nicht verstanden. Mache ich eher ungern, das Wiederholen. Momente später – also wahre Ewigkeiten – wiederholt sie plötzlich ganz laut und deutlich, was ich zuvor ausgesprochen hatte: Biskotten willst du!! Oder: Wir sollen die Matte runterholen!! Aber auch: Du willst in den Garten rausgehen!! So erstaunt von ihrem Verständnis ist sie – gerade dass sie sich im Moment der Erkenntnis nicht mit der flachen Hand an die Stirn klatscht – wäre aber passend bei der langen Leitung.

2 Worte sind ein Satz?

Ich bin 18 Monate und 18 Tage alt.


Mama ist ganz hin und weg, weil ich angeblich in Sätzen spreche. Tatsächlich? Ein Wort kann ein Satz sein?

Denn Buchanschauen und Ballspielen klingen für mich wie genau das. Aber Mama sagt, es sind 2 Worte. Und wenn es um Grammatik geht, vertraue ich meiner Mutter. Am meisten hat sie auf alle Fälle gelacht, als ich gleich 3 Worte auf einmal verwendet habe. Mama hat mich gefragt, ob sie mich einschmieren soll und da konnte ich natürlich nur sagen: Nein brauchen, danke.

Ohne Abendessen ins Bett.

Ich bin 18 Monate und 15 Tage alt.


Ja, gestern Abend war’s so weit: Ich musste ohne Abendessen ins Bett. Ich musste das übrigens, weil ich das wollte. Erst hat mich Mama gefragt, ob ich Hunger habe – hatte ich nicht, also habe ich die Frage mit Nein beantwortet. Etwas später wollte sie wissen, ob ich etwas essen möchte und wiederum später hat sie mir Grießkoch mit Birnenmus angetragen.

Aber ich wollte nicht und das Tolle ist, dass ich das jetzt sagen kann! Ich muss nicht erst warten, bis Mama mir etwas zu essen gemacht hat und dann dadurch, dass ich das Essen nicht anrühre, signalisieren, dass ich frei von Hunger- wie Gustogefühlen bin. Nein, ich kann einfach „Nein“ sagen und meinen, wenn Mama wissen will, ob mein Bäuchlein leer ist. Und das war nach dem Familiennachmittag gestern, nach gegrillten Henderln und Kuchen und dann Würsterln und dann Keksen und zwischendurch Brot mit Ketchup so voll, dass ich am Abend echt nichts mehr gebraucht habe. Aber danke der Nachfrage, Mama.

Ich habe das letzte Wort.

Ich bin 18 Monate und 12 Tage alt.


Ich will sprechen lernen, lernen, lernen. Doch wenn die großen Menschen reden, sagen sie immer gleich so viel auf einmal. Gut, oft genug kommt es vor, dass die Konversation nur aus einem bis wenigen Worten besteht: Nicht, Es ist genug jetzt, Mäuslein! Doch meist und vor allem, wenn die Großen untereinander reden, ergießen sich ganze Wortfluten. Weil ich mir das nicht alles merken kann, hab ich mich aufs letzte Wort in einem Satz spezialisiert. Ich warte das ab und sag es dann nach: Ausse (also draußen), scho (soll heißen schon) und noch viel mehr habe ich so gelernt.

Und letztens als Mama Wasser vermischt mit Kakao in der ganzen Küche verteilt hat und diese Masse überall war – in den Fliesenfugen, auf den Küchenmöbeln, in den Küchenladen und sogar auf der weißen Wand, da hab ich Oida! gelernt. So sagen wir hier Alter! Und das war nicht nur das letzte Wort in Mamas Satz, sondern kam sehr oft in der Wortflut, die auf die Kakaoflut folgte, vor. So hab ich es gut genug gehört, um es geraume Zeit an diesem Tag, von mir zu geben: O-dda! O-dda! O-dda! hab ich geplappert und Mama hat mich etwas verzweifelt angesehen. Ja, ich weiß. Ich muss noch üben, bis ich das I hinterm O hinkriege: Oida!

Nein, danke!

Ich bin 18 Monate und 8 Tage alt.


Vor kurzem habe ich umgestellt: Das einfache „Nein“ wurde zum „Nein, danke“ erweitert. Ich muss sagen, das kommt gut an. So gut, dass ich es einfach immer benutze – halt mit einem T statt eines K. Nicht nur die Frage nach einem weiteren Bissen beantworte ich mit „Nein, dante“, auch Folgendes:

Maus, nimmst du deine Flasche mit hinein? – Nein, dante.
Willst du eine Runde mit dem Laufrad fahren? – Nein, dante.
Es wird Zeit, die Zähne zu putzen. – Nein, dante.
Magst du mit dem Papa mitgehen? – Nein, dante.
Komm, wir ziehen dir die Schuhe aus. – Nein, dante.

Dieser neue Zusatz sorgt dafür, dass meine Ablehnung gegenüber jedweden Dingen sehr viel entspannter aufgenommen wird. Lachen tut sie jetzt, die Mama, wenn ich Nein – also Nein, dante. – sage.

Weltuntergangsstimmung.

Ich bin 18 Monate und 4 Tage alt.


Manchmal, da will ich gewisse Sachen nicht, die von mir verlangt werden oder die mir angeboten werden: Ich will keine Banane essen, ich will keine frische Windel machen gehen, ich möchte auf gar keinen Fall eine Hose anziehen. Ich möchte nicht Zähneputzen, dass meine Puppe Mia einen Schuh angezogen bekommt oder dass ich ohne Schuhe in die Wiese steigen muss. Um zu zeigen, dass ich all das und ein paar andere Sachen nicht möchte, fange ich ordentlich an zu greinen. Ich meine „Nein, nein, nein“ und bin teilweise so aufgeregt, dass Tränen fließen.

Mama meint dann, ich übertreibe. Dass ich nicht so tun soll, als ob die Welt unterginge, denn sie sei sich sicher, das tue sie gewiss nicht, nur weil ich – wieder zum Beispiel – nicht aus ihrem Kaffeehäferl trinken dürfe. Ich bekäme dann schon den letzten Schluck aus der Tasse. Naja, das hilft mir im selben Moment wenig und was soll ich sagen – für mich geht da die Welt sehr wohl unter, weil meine Welt nur aus all diesen kleinen Dingen besteht. Und man wird wohl noch seinem Kummer darüber Ausdruck verleihen dürfen.

Essen will ich spüren.

Ich bin 18 Monate alt.


Ich mag es, mit Mama einkaufen zu gehen. Wenn ich da drin sitze im Einkaufswagerl, gibt es so viel zu sehen, so viele Menschen anzulachen. Auch mag ich es, wenn Mama die Sachen, die gekauft werden sollen, mir gibt. Dann kann ich sie mir genauer anschauen. Bzw. kann ich sie im wahrsten Sinne des Wortes begreifen. Ich befühle sie von allen Seiten, drücke sie – falls möglich – zusammen und wieder auseinander, schüttle, quetsche und massiere sie. Ja, so nennt Mama das. Ihr genauer Wortlaut ist meist dieser: „Maus, hör bitte auf mit deiner Außenmassage, das tut dem Essen nicht gut.“

Ich muss feststellen, dass das nicht stimmen kann. Denn das meiste Essen wird vor dem Essen ohnehin geschnitten, klein gemacht oder irgendwie anderwertig vorbereitet. Es muss also egal sein, ob es im ganzen Stück oder Stückchen bei uns ankommt. Besonders gilt das für den Mozzarella. Der ist so extra herrlich zum Massieren – wie schön das Packerl durch die Hände flutscht und trotzdem etwas Kompaktes verspricht, das meine Finger zerdrücken möchten. Es sogar schon Mal geschafft haben, es sehr komplett zu zerdrücken! Und ich muss sagen: Wenn der Mozzarella fertig von mir massiert in Fetzen aus der Packung kommt, schmeckt er genauso gut wie als ganze Kugel, liebe Mama.

 

 

Die Macht des Wortes.

Ich bin 17 Monate und 28 Tage alt.


Ja, man denkt, wenn man ein bissi reden kann, könnte man auch mitreden, aber dem ist nicht so.

Mama sagt: Komm, wir gehen Essen machen. Ich rufe: Noocki!
Oder sie fragt: Hast du Hunger? Ich darauf: Nooocki!
Es kommt auch vor, dass sie vorschlägt, dass wir heute mal etwas Neues probieren. Ich bleibe dabei: Noocki!
Und wenn sie in aller Früh sagt „Komm, wir gehen runter frühstücken.“, ist meine Antwort dieselbe: Nooocki!

In den allermeisten Fällen – so mein Eindruck – bekomme ich auf meine Nooocki-Rufe die Antwort: Nein, heute gibt’s keine Gnocchi, die hatten wir erst. Das nächste Mal machen wir wieder welche, ok? Aber heute kochen wir uns Zucchini.

Ja, Nini, sind eh auch ok. Aber ich hätte so gern Noocki. Gerne jeden Tag.

Seifenblasen fangen.

Ich bin 17 Monate und 25 Tage alt.


Ja, das ist meine Mission diese Tage. Das erste Mal als ich diese schönen Bälle gesehen habe, habe ich sie nur bestaunt. Ich habe ihre Bewegungen studiert, um dann auf sie Jagd zu machen. Man denkt, dass es doch nicht so schwer sein kann, sich eine dieser dahinschwebenden Blasen zu schnappen. Aber denkste! Egal, womit ich sie erwische – der Hand, dem Fuß, der Nase – kaum hat man sie, sind sie auch schon wieder weg. Mama hat mich dann damit getröstet, indem sie mich selber welche hat machen lassen. Man muss pusten – aber vorsichtig! und – nicht die Pustevorrichtung küssen! einfach nur – sachte pusten! Trotz all dieser Hinweise habe ich es geschafft, welche zu fabrizieren. Mama war ganz stolz auf mich. „Super!“ hat sie gesagt. Und ich auch „Upa!“ Das gefällt mir übrigens auch am Seifenblasen machen – das neue Vokabular. Neben „Upa!“ habe ich noch gelernt:
Geh! – Mama sagt „Na geh!“, wenn die Seifenblasen schon beim Machen platzen. Und wenn sie das ein paar Mal hintereinander tun, folgt ein „Sakra!“: Satta! sag auch ich und finde das upa!

 

Nau, wie findest du das?

Ich bin 17 Monate und 21 Tage alt.


Seitdem ich auf der Welt bin, sperre ich meine Ohren weit auf. Seit geraumer Zeit verstehe ich auch ziemlich alles, was meinen Ohren zugetragen wird. Und nun, ja nun ist es endlich so weit, dass ich das Gehörte auch wiedergeben kann. Oft höre ich „Nau.“ mit Rufzeichen dahinter genauso wie mit Fragezeichen.

Mama sagt „Nau“, wenn meine Füße nicht mit einem Rutsch in die Schuhe wollen. Und noch mal „Nau.“, wenn sie sieht, dass es an meiner Zehe liegt, die abtrünnig geworden ist und sich außer- statt innerhalb des Riemchens befindet. Sie sagt „Nau.“, wenn ich mich müde auf meinen Polster fallen lasse, wenn ich meine Trinkflasche mit einem Schluck bis zur Hälfte leere und wenn es mir spontan einfällt, einfach aufzuspringen und wild drauflos zu rennen. Manchmal reicht ein „Nau“ nicht und sie sagt Nau-nau-nau-nau. Etwa wenn mein Laufrad – mit mir darauf – zu kippen droht.

Darum sage ich jetzt auch „Nau“. Wenn mir die Nudel von der Gabel flutscht genauso wie wenn mir Mama eine meiner Stinkewindeln vor die Nase hält. Nau, wie findet ihr das?